26.05.2012: 40 Jahre Synanon

40 Jahre auf dem Königsweg

40 Jahre auf dem Königsweg

Laut einem bekannten Onlinelexikon steht der Begriff Königsweg für eine leichte und doch optimale Problemlösung.

Für uns Süchtige, die in der Suchtselbsthilfe Synanon leben oder leben durften, um nüchtern zu werden, bedeutet der Begriff erst einmal ein Leben ohne Suchtmittel. Vollständig. Keine Drogen, kein Alkohol, keine bewusstseinsverändernden Medikamente, kein Tabak, keine Substitution.

Totale Nüchternheit. Optimal für einen Süchtigen, auf jeden Fall. Aber auch leicht?!? Nein. Doch was im Leben ist bei genauer Betrachtung wirklich leicht? Der Königsweg ist in seiner Konsequenz eine radikale Vereinfachung: die Frage, ob und wie viel von was für einen gut oder schlecht wäre, stellt sich einfach nicht mehr. Es gibt nur Nüchternheit oder Rückfall. Weiß oder schwarz. Leben oder Tod. In diesem Sinne also doch ganz einfach.

Nun liefert uns der Alltag aber zahlreiche Versuchungen. In der Regel gut zu erkennen, nicht selten aber auch subtil, als solche nicht gleich auszumachen. Treffen diese auf das teuflische Verlangen etwas zu nehmen, was für immer in uns verbleibt, im Verborgenen abwartend, lauernd, um oft plötzlich loszubrechen, wird es brandgefährlich - man steht kurz vor dem gefürchteten Rückfall.

Selbstverständlich, die Kontrolle aufzugeben, sich wieder zuzuschütten, egal mit was, setzt eine willentliche Entscheidung jedes einzelnen selbst voraus, die nur durch praktisches Handeln umgesetzt werden kann. Übrigens genau wie die Entscheidung, damit aufzuhören. Der vollständige Verzicht auf Suchtmittel aller Art vergrößert aber den Abstand immer weiter durch seine Eindeutigkeit, hilft uns bei der Entscheidung, clean zu bleiben. Der Abschied vom Zwanghaften, vom Ritual, zeigt Wirkung.

Nimmt man nur einmal das Rauchen. Viele Süchtige sagen, wenn ich schon nichts anderes mehr nehmen darf, dann will ich wenigstens rauchen. Jeder (Ex-)Raucher kennt es aber: von Raucherpause zu Raucherpause leben, gemeinsam mit anderen frieren oder nass werden und nachts noch einmal los müssen, weil die Zigaretten alle sind. Die große Freiheit, die manche Hersteller noch immer propagieren, sieht anders aus. Also warum sollte man sich ausgerechnet als Süchtiger so etwas antun? Zumal das Suchtzentrum dadurch aktiv bleibt, alle 40 Minuten geht die Ich-muss-wieder-was-nehmen-Glocke los. Es lebt sich deutlich leichter ohne.

Den heilsamen Weg der absoluten Nüchternheit zu beginnen, fällt nicht leicht, denn ohne den schmerzhaften Entzug kann ich ihn schon per Definition nicht gehen.

Oder vielleicht doch ?

Auf absurde Experimente mit kontrolliertem Konsum bei Süchtigen möchten wir gar nicht erst eingehen, da Kontrollverlust ein wesentliches Merkmal der unheilbaren Suchterkrankung darstellt und diese dadurch natürlich nicht zum Stillstand kommt, was das Ziel einer jeden Behandlung sein muss.

Substitution erscheint da viel interessanter. Studien berichten davon, dass es gute Erfolge bei der Kombination von Substitution und engmaschiger psychosozialer Betreuung gebe. Leider gibt es dafür immer nur Kontrollgruppen, die wie bisher konsumieren, und keine, die bei der gleichen Betreuung nichts nimmt. Dementsprechend weiß keiner, ob tatsächlich die Substitution oder doch eher die Betreuung den Erfolg gebracht hat. Zudem gibt es inzwischen immer mehr Fälle, in denen die Betreuung nur noch marginal oder gar nicht mehr stattfindet. Und von der Grundidee, den Süchtigen mittels Substitution allmählich in die Nüchternheit zu führen, wird immer häufiger mit dem fadenscheinigen Argument der Schadensbegrenzung abgewichen und die Dauermedikation verordnet - das selbsterklärte Scheitern.

Es stellt sich daher zwingend die Frage: wer hilft da eigentlich wem, und wem hilft es wirklich? Es gibt in Deutschland inzwischen über 75.000 substituierte Opiatabhängige, um welche sich ein gigantisches Versorgungsnetz mit zahlreichen Profiteuren aufbauen konnte. Das entspricht einer Stadt wie Gießen. Oder 1500 voll besetzten Reisebussen. Und es sind heute doppelt so viele wie vor 10 Jahren. Wo soll denn das noch hinführen?

Darf es wirklich als Erfolg verkauft werden, wenn ein Substituierter, mit Hartz IV und einem Ein-Euro-Job versehen, weiterhin in einem System voller (nun nicht mehr nur stofflichen) Abhängigkeiten gefangen bleibt? Aber genau diese Situation wird in der Statistik als Erfolg gewertet.

Dieser Irrweg wird nur noch von einem übertroffen: Diamorphin - der blanke Wahnsinn.

Kontrolliertes Spritzen mit synthetischem Heroin auf Krankenschein. Auf den ersten Blick der Garten Eden für Junkies. Wenn man es denn erträgt, seine Droge wie Almosen ausgerechnet von einer Gesellschaft zugewiesen zu bekommen, an der man nicht aktiv teilnehmen möchte, geschweige denn könnte. Man bekommt seine Droge, darf sie sich dreimal täglich selber spritzen, Ärzte und Krankenschwestern passen sogar auf, dass man nicht aus Versehen dabei stirbt, und für die Nacht gibt’s auch noch Methadon, und arbeiten braucht man eh nicht. In einem Punkt ist dieses Vorgehen gegenüber der Substitution allerdings ein Stück weit ehrlicher: Von einer Rückführung in die Gesellschaft ist bei diesem Programm schon gar nicht mehr die Rede.

Deshalb ist die Anwendung von Diamorphin auf das schärfste zu verurteilen! Darf ein Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, sozial zu sein, es wirklich zulassen, dass junge Menschen mit einem Eintrittsalter von 23 Jahren, nach nur zwei gescheiterten Therapien als schwerstabhängig eingestuft, die Fahrkarte für solch einen Geisterzug bekommen? So werden sie vollends ins Abseits gestellt und bleiben Sklaven der Droge und des Systems. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, jemanden dieser Versuchung auszusetzen.

Als echte Alternative zum drogenbestimmten Leben bleibt nur der Weg der absoluten Abstinenz.

Sein Anfang erscheint ohne Frage schwer. Vor allem zu Beginn ist er steil und unwegsam, mit vielen Stolperfallen versehen. Dem Abgrund an den Seiten stets recht nahe, kann schon ein leichtes Straucheln den erneuten Fall in die Sucht bedeuten. Aber schon hier kommt die Idee Synanons zum Tragen. Um den Weg zu beginnen, brauche ich zum einen ein nüchternes Umfeld, vor allem aber die Hilfe einer Gemeinschaft Gleichgesinnter, die aus eigener Erfahrung wissen, was mich in dieser Zeit bewegt und mir zusetzt. Welcher Lotse könnte besser sein, als derjenige, der den Weg schon oft gegangen ist?

Doch was kommt danach? Nun bin ich drogenfrei und damit schon entscheidend weiter als mit Methadon oder anderen Ersatzstoffen. Reicht das nicht? Warum noch länger in Synanon verweilen, wo es hier oft genug nicht angenehm ist? Diese Frage stellt sich jeder Bewohner unzählige Male. Noch schlimmer - er kriegt sie oft genug an sich selbst gerichtet.

Weil clean oder trocken sein eben nicht gleichzusetzen ist mit Nüchternheit. Es geht nicht nur um den Entzug. Auch die Arbeit in den Zweckbetrieben, die Ausbildungs¬möglichkeiten, der wiedererlangte Führerschein, all das sind nur, wenn auch wichtige, Mittel zum Zweck.

Wer dauerhaft abstinent bleiben will, muss vor allem im Kopf, mit dem Verstand wieder nüchtern werden. Das heißt Lernen in klaren Strukturen zu denken, um daraus handeln zu können, auch in schwierigen Situationen. Und dieses Lernen braucht eben Zeit, sogar Jahre.

Genau das bietet Synanon. Hier muss ich nicht alles in drei oder sechs Monaten hinkriegen, weil dann das Projekt zu Ende geht oder die Krankenkasse nicht länger dafür aufkommt. Ich kann unter Beachtung der Regeln so lange bleiben, ja es wird mir sogar empfohlen, bis ich tatsächlich in der Lage bin, es auch wieder alleine zu schaffen - mit klarem Verstand.

Und auf dem schwierigen Weg dahin, kann ich stürzen. An jeder Stelle werde ich immer wieder Begleiter in Synanon finden, die mir aufhelfen, mir stützend zur Seite stehen. Sei es nun in den Gruppen oder in Gesprächen mit einzelnen. Das Verstehen aber auch das Durchschauen des Anderen scheint oft genug gnadenlos, ist aber eben ehrlich und damit hilfreich.

Selbst wenn der Weg einmal vollends verlassen wird, kann er erneut angegangen werden. Viele kommen nur so zum Erfolg.

Synanon ist eine Gemeinschaft, um nüchtern zu werden. Hier haben die Bewohner seit nunmehr 40 Jahren die Möglichkeit und Zeit, den Königsweg zu beginnen und über Jahre hinweg gemeinsam zu beschreiten. Solange sie wollen. Er ist steinig und voller Strapazen, aber wirklich erfolgreich. Enden tut er nie, denn süchtig bleibt man ein Leben lang. Erstaunlich viele, auch als hoffnungslos eingestufte Fälle, haben es geschafft. Sie haben sich das notwendige Rüstzeug erarbeitet. Denn irgendwann wird die Frage auftauchen: Was macht eigentlich ein Süchtiger, wenn er nichts mehr nimmt und sogar nüchtern ist?

Selbstbestimmt und würdevoll leben.


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