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Herman

Aufnahme sofort! - Stephan

1. Herman, Du bist ein Gesicht unserer Aktion. Was bedeutet das für Dich?

Ich erscheine nicht gerne auf Fotografien, dafür hat mich der liebe Gott nicht geschaffen. Aber ich sehe es als kleine Auszeichnung an und das macht es dann erträglich.

2. Welche Drogen hast Du genommen?  

Ich habe nahezu alle einmal ausprobiert. Hauptsächlich aber Cannabis, Alkohol und zum Schluss Kokain intravenös, das hat meinen physischen, psychischen und sozialen Abstieg dann extrem beschleunigt.

3. Wie alt warst Du, als Du damit angefangen hast?  

Mit 14 rauchte ich zum ersten Mal Gras... In der Rückbetrachtung haben ungefähr ein halbes Jahr später bewusstseinsverändernde Substanzen einen wesentlichen, sehr bestimmenden Teil in meinem Leben eingenommen...deren Konsum und Beschaffung spielten die Hauptrolle.

4. Wie hast Du von unserer Suchtselbsthilfe Synanon erfahren? 

Mein Vater hat es mir öfter vorgeschlagen...zu dem Zeitpunkt habe ich mich selbst, entgegen seiner Ansicht, noch nicht als hilfsbedürftig gesehen.

5. Mit welchen Vorstellungen bist Du zu uns gekommen? 

Um ehrlich zu sein, wollte ich hier nie „tot überm Zaun hängen“. Meine Vorstellungen als aktiver Drogenkonsument waren grausam, viele Regeln und Entbehrungen und das Schlimmste, hier würde es nichts mehr zum rauchen, trinken oder spritzen geben. Ich hatte Angst davor aufzuhören, es war für mich unvorstellbar nichts mehr zu nehmen und mich so ertragen zu müssen, wie mich der liebe Gott erschaffen hat, mit all meinen Macken. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo nur noch die eine Alternative zu Straße und Beschaffungskriminalität blieb, die Abstinenz, obwohl ich das eigentlich auch nicht wollte, war es aber das kleinere Übel. Ich wusste, daß ich hier rund um die Uhr ohne Aufnahmebedingungen erscheinen konnte, Hilfe sofort war meine Rettung. Als ich dann hier war, war es im Vergleich zu dem, was ich draußen hatte mehr als angenehm. Ich habe mich sehr behütet gefühlt, denn solange ich hier blieb war ich sicher. Die einzige Angst die blieb, die Angst vor einer unüberlegten Handlung meiner selbst.

6. Würdest Du diesen Weg, den Du bisher bei uns gegangen bist, noch einmal gehen? 

Ich hab es auf jeden Fall nicht vor, denn das würde ja meinen vorherigen Rückfall einschließen. Aber wenn ich noch einmal an dem Punkt stehen sollte, an dem ich mich vor Synanon befand? Als lebensrettende Maßnahme ja.

7. Ist es Dir schwer gefallen, die drei Grundregeln Synanons - keine Drogen, keine Gewalt, kein Tabak - zu akzeptieren? 

Zu akzeptieren nicht, vor allem nicht in dem nüchternen und geschützten Rahmen, den einem Synanon bietet, doch des öfteren den Wunsch gehabt, nicht hier zu sein um mich im Endeffekt nicht daran halten zu müssen... Gerade wenn es mir schlecht ging habe ich Fehler/ Störpunkte im System gesucht und versucht, an diesen meine Unzufriedenheit festzumachen, um mir damit einen Rückfall in alte Verhaltensweisen, der Flucht vor dem Anstehenden und gleichsam anschließend dem Drogenkonsum hätte erlauben können.

8. Welches Ziel verfolgst du im Moment?  

Im Moment bin ich über eine Wiedereingliederungsmaßnahme des Jobcenters bei Synanon angestellt und wohne zur Miete im Jugendhaus Karow. Über eine Verlängerung beider Punkte wäre ich sehr glücklich, denn so gut wie es mir im Moment geht ging es mir zu Letzt als kleiner, von Drogen nichts ahnender, unbeschwert lebender Junge. Momentanes Ziel: den vorhandenen Zustand nach Möglichkeit zu erhalten.

9. Was möchtest Du in Synanon noch erreichen? 

Ferneres Ziel ist eine Fortbildung zum Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung, dazu muss ich mir aber noch einiges an Fachwissen im Selbststudium aneignen.

10. Wie wichtig ist für dich die Gemeinschaft und der Austausch mit Gleichgesinnten?  

Ich bin nicht der geselligste und redefreudigste und habe auch nach langer Zeit in Synanon, mit vielen Menschen unter einem Dach, noch immer gerne meine Ruhe. Aber ohne die Menschen, die scheinbar so grundverschieden, auch zu meiner Person aber deren Biographien im Schnitt sehr der meinen ähnelten, und die mich an diesen in den Gruppen teilhaben ließen, und daß für mich daraus gewonnene und später auch angewendete Wissen hätte ich es sicher nicht geschafft. Ich denke, daß ein Süchtiger einem anderen Süchtigen am besten sagen kann wie er funktioniert, denn bis man die eigenen, süchtigen, flucht- und konsumorientierten Denkstrukturen durchschaut hat, dauert es eine Weile, da man sich gut selbst reflektieren muss, dies erfordert eine Menge an Ehrlichkeit zu sich selbst und gerade am Anfang es ist wichtig, daß einem dabei geholfen wird.

11. Wie stellst du dir deine Zukunft vor? 

„Wenn ich groß bin möchte ich mal Spießer werden“, die Aussage stammt aus einem Werbespot, trifft es aber auf den Punkt. Genau das, was ich früher nie werden wollte, weil ich es als langweilig und zu normal empfand, ich war schon aus Prinzip dagegen. Heute träume ich von einem einfachen, werktätigen Leben mit Familie, Auto, Haus, Urlaub, einem gefüllten Kühlschrank, ohne finanzielle Nöte usw... In der Zeit hier habe ich gelernt, daß man Erfolgserlebnisse und die Ausschüttung von Glückshormonen nicht ausschließlich durch wahnsinnig aufregend erscheinenden Unfug und Drogenkonsum haben kann sondern daß man Zufriedenheit auch aus der Bewältigung eines normalen Tagesablaufes, dem Verfolgen und Erreichen von eigenen Zielen, der Gestaltung der eigenen Freizeit usw erlangen kann, und auch ohne Drogen eine Menge Spaß am Leben hat. Ich bin glücklich, zufrieden und mir geht es gut wenn es mir nicht schlecht geht. Alles was darüber hinausgeht wäre super aber nicht erforderlich.